Porträt: Schmunzeln – Lachen – Vorhang (2013)

Schmunzeln - Lachen - Vorhang

Barbara Kölling, Leiterin des Helios-Theaters in Hamm, wusste schon immer, was sie will. Und hat es zu ihrem Beruf gemacht.

Von Anja Segschneider

Beim Theater, da dreht sich alles um Präsenz. Eine Eigenschaft, mit der Barbara Kölling, Leiterin des renommierten Kinder- und Jugendtheaters Helios in Hamm, ohne Frage ausgestattet ist. Das fängt bei ihrem Aussehen an (schlank, wilde braune Haare, blaues Oberteil, schwarze Pumphose, rote Schuhe) und geht bei ihrer Ausstrahlung weiter. Ihre Begrüßung ist einladend und selbstbewusst. "Brauchen Sie noch einen Stuhl? Also ich sitze immer auf dem roten Sofa! Da will sonst keiner hin!" – Lachen – "Wie fangen wir an?" – ratlose Stille – "Also ich habe sonst hier schon mal das Theaterprogramm ausgebreitet." Barbara Kölling macht es einem leicht, einen Draht zu finden. Das gilt sowohl für ihre Theaterstücke, als auch für ihre Person.

Bevor sie spricht grübelt sie, indem sie das Kinn in der Hand vergräbt, sodass man ihr Gesicht kaum noch sehen kann. Oder sie spielt mit ihrer Brille. Anschließend antwortet sie präzise, manchmal philosophisch, manchmal künstlerisch euphorisch. Wenn sie lacht, ist es ein durchdringendes Lachen. Und wenn sie lächelt, dann meist verschmitzt.

In diesem Jahr wird Kölling 50. Ein Leben beim und für das Theater bedeutet das für sie, die bereits mit 17 genau wusste, was sie einmal werden wollte: Theaterregisseurin. "Es ist schon lustig", sagt Kölling, "wenn ich so darüber nachdenke, habe ich mich eigentlich von Anfang an auch mit der Kinder- und Jugendarbeit beschäftigt."

Von Anfang an, das heißt seit sie im Heimatort ihrer Kindheit, Wanne-Eickel, in der Jugendarbeit geholfen hat. 15 war die aus einer Beamtenfamilie stammende Kölling damals und wollte eigentlich Sozialarbeiterin werden. "Mit 16 dachte ich mir, du erziehst diese Kinder jetzt, nur damit sie gesellschaftlich irgendwie funktionieren. Damit wollte ich nicht mein Leben verbringen", erzählt sie. Damals habe sie Kontakt zur örtlichen Musikszene gehabt. "Die Kunst hatte eine hohe Lebensqualität, fand ich." So sei schließlich die Idee entstanden, eine eigene Schauspielgruppe zu gründen, die sich auch mit Jugendthemen beschäftigte.

Für Kölling war das der Beginn vom Rest ihres Lebens. Kreativität, soziales und politisches Engagement und ein klein wenig Rebellion sollten sich wie ein roter Faden fortziehen. An politischen Diskussionen, Organisationen und Demos hat sich Kölling als Jugendliche beteiligt. Die 68er-Generation habe sie knapp verpasst, doch auch da hätte sie sich sicherlich wohlgefühlt, sagt sie heute über sich selbst.

Sobald Kölling alt genug zum Mofafahren war, ging es an den Wochenenden nach Bochum. Kölling schmunzelt. Ob das Mofa frisiert war? "Darüber reden wir besser nicht", antwortet sie und schenkt ihrem Publikum ihr durchdringendes Lachen. Präsenz nennt man das beim Theater.

Ihr Studium absolvierte Kölling in Erlangen. Als Hauptfächer wählte sie – ganz klar das Ziel vor Augen – Theaterwissenschaften, Philosophie und Pädagogik. Den Abschluss machte sie nicht mehr, denn noch während des Studiums bekam sie eine Stelle als Regieassistentin am Westfälischen Landestheater in Castrop-Rauxel. "Ich halte es ohnehin für besser in der Praxis zu lernen", findet die Regisseurin. Damals, sagt sie, habe sie die Wahl gehabt: Wieder eine eigene Schauspielgruppe gründen und die Freiheit genießen, oder ans Theater gehen. "Am Theater lernt man mehr. Und ich fand nicht, dass ich schon alles wusste, bloß weil ich mit 19 auf der Bühne ein paar Sätze gesagt hatte."

Das hätte es dann erst mal sein können für Kölling. Sie hatte einen halbwegs sicheren Job – in der Kunst keine Selbstverständlichkeit – und ein gutes Einkommen. Doch Kölling wollte noch mehr entdecken. Also verließ sie das beschauliche Castrop-Rauxel 1988 und zog in die Metropole Köln. Ihr Vater, ein Lehrer, habe das überhaupt nicht verstanden, meint Kölling, und wieder huscht dieses verschmitzte Lächeln über ihr Gesicht. "Er war nicht böse, aber die Sicherheit aufzugeben war für ihn einfach nicht zu begreifen. Vor ein paar Jahren kam er hier nach Hamm, hat sich alles angesehen und fand dann doch ganz beeindruckend, was ich gemacht habe."

In Köln dann gründete sie 1989 gemeinsam mit anderen Künstlern das Helios-Theater. 1997 zog Helios auf Einladung der Stadt nach Hamm um.

33 Jahre nachdem Kölling ihren Entschluss gefasst hat Regisseurin zu werden, leitet sie ein Theater mit internationalem Ansehen. Ihre Arbeit ist ihr Leben, doch das ist für Kölling nichts Negatives. "Mein Job ist toll, warum sollte ich da etwas anderes machen wollen?" Sich Hobbies zu suchen habe sie schon oft versucht, aber sie sei letztlich doch immer wieder beim Schauspiel gelandet. "In meinem Garten zu arbeiten gefällt mir auch, aber meistens fehlt mir die Zeit dazu." Aus dem Urlaub komme sie in der Regel mit neuen Stücken zurück. Wieder dieses Schmunzeln und dieses Mal besonders strahlende Augen. Hier spricht jemand, der in seinem Beruf aufgeht.

Ihre Anfänge in der Kinder- und Jugendarbeit und das politische und soziale Engagement haben sich nie verloren. Heute versucht Kölling bei Helios auch den Allerkleinsten ab zwei Jahren die Kunst zu vermitteln und Kindern politische Sensibilität beizubringen. Privat lebt sie mit ihrem Mann, ebenfalls Regisseur und Co-Leiter des Helios, Michael Lurse, und den zwei Söhnen von 13 und 18 Jahren in Hamm-Herringen. Eine Gegend mit hohem Ausländeranteil, bewusst gewählt, damit auch die Söhne, wie Kölling selbst in ihrer Kindheit, von Anfang an mit anderen Kulturen in Berührung kommen.

Ob auch die Söhne beim Theater sind? "Nein", entgegnet Kölling entschieden. "Aber das finde ich nicht schlimm. Die sollen ihr eigenes Ding machen." Wieder denkt sie einen Augenblick lang nach mit dem Kinn in der Hand, um dann einzuschränken: "Na ja, wenn der Älteste sich jetzt entscheidet, einen langen Vertrag mit der Bundeswehr zu schließen, würde ich mich doch noch mal intensiv mit ihm unterhalten." Ein Schmunzeln. Lachen. Vorhang