Fernsehkritik: Warum real, wenn auch digital geht? (2016)

Warum real, wenn auch digital geht?

Fernsehkritik "Mr. Robot" - Staffel 1, USA 2015

Es braucht nur wenige Zeichen, um die Realität ins Wanken zu bringen. "Hallo Freund", so begrüßt Elliot, Protagonist der USA-Serie "Mr. Robot", im Pilot das Publikum – er wendet sich an uns, die Zuschauer, seine imaginären Freunde.

In den ersten Sekunden ist damit klar: Mr. Robot ist mehr als eine Serie über anarchistische Hacker. Auch wenn sich Twitter-sprechende Millenials in der von Bewegungen wie "Occupy Wall Street", "Anonymus" oder dem Arabischen Frühling inspirierten Serie mit Sicherheit zu Hause fühlen werden. Doch Showrunner Sam Esmail geht es im Cyber-Drama viel mehr um die Psyche des Protagonisten, den Computerexperten Elliot Alderson (Rami Malek).

Elliot führt ein Doppelleben: Bei Tag arbeitet er in einer Firma für Cybersicherheit, gemeinsam mit seiner Freundin aus Kindertagen, Angela (Portia Doubleday). Bei Nacht ist er der digitale Batman, leaked Informationen über Pädophile an die Polizei oder hackt zwielichtige Bekannte seines überschaubaren Freundeskreises, um seine Liebsten vor Unheil zu bewahren. Elliots schlimmster Feind ist das globale Unternehmen E-Corp, das er selbst gern als "Evil Corp" bezeichnet. Auf die hat es auch die anarchistische Gruppe F-Society abgesehen, die versucht, Elliot anzuwerben und die vom mysteriösen Mr. Robot (Christian Slater) angeführt wird.

Die Serie hätte damit jedes Potential sämtliche Hacker-Klischees zu bedienen: In den meisten Filmen oder Serien zum Thema erscheinen bevorzugt Totenköpfe auf Bildschirmen, bevor ganze Serverräume online gekapert werden, oder weltfremde Computernerds mit einem Herzen aus Gold. Nicht so jedoch in Mr. Robert – obwohl, zugegebenermaßen, oberflächlich betrachtet, der letzte Teil auf Elliot zutrifft: Er leidet unter einer Sozialphobie und Depressionen, nimmt Drogen und besitzt die Leichenblässe eines Mannes, der seine Wohnung bei Weitem zu selten verlässt. Dass "Mr. Robot" dennoch nicht in schmerzhafte Klischees abdriftet, ist zum einen den exzellenten Darstellern zu verdanken und zum anderen der großen Authentizität, mit der sich das Produktionsteam den Themen Hacker und psychische Krankheit nähert.

Showrunner Sam Esmail legte nämlich bereits bei der Konzeption der Serie großen Wert auf den Rat von Psychologen und Computerexperten, um den Charakter Elliot möglichst realistisch erscheinen zu lassen. Und gerade dieser Realismus macht die Welt von Mr. Robot so erschreckend: Denn wenn Elliot sich mit imaginären Freunden unterhält, Fakten nur eine Frage der Betrachtungsweise sind und dabei das Vorgehen der Hacker den Eindruck erweckt, dass all das auch in unserer Welt passieren könnte, fängt auch der Zuschauer allmählich an daran zu zweifeln, ob er dem World Wide Web oder seiner eigenen Wahrnehmung tatsächlich noch trauen kann. "Fightclub" und "The Matrix" treffen hier auf WikiLeaks. Kein Wunder also, dass "Mr. Robot" gerade in der Hackerszene große Beliebtheit genießt.

Sehenswert ist die Serie aber nicht nur wegen seiner Charaktere und einer durchaus spannenden Story. Auch audio-visuell ist "Mr. Robot" ein echter Hingucker. Den Stil legte "The-Girl-with-the-Dragon-Tatoo"-Regisseur Niels Arden Oplev in der Pilotfolge fest. Typo und Soundtrack könnten problemlos aus einem 80er-Jahre Computerspiel stammen, die Szenerie ist in düsteres Business-Grau getüncht, schwarz und weiß, binär wie Computercode. Elliots verkopfte Story spiegelt sich in Bildausschnitten mit ungewöhnlich viel Platz über den Köpfen der Protagonisten wieder. Denn was in Elliots Kopf vorgeht, ist letztlich die entscheidende Frage in "Mr. Robot": Was passiert wirklich, und was bildet er sich nur ein?

Wer es wagt, für 60 Minuten die eigene Existenz Elliot Aldersons imaginären Freunden zu opfern, könnte eine Antwort erhalten. Vorausgesetzt natürlich, dass einfache Antworten in der digitalen Welt noch existieren.