Veranstaltung: CRISPR/Cas9 im Ethikrat 2016

CRISPR/Cas9 im Ethikrat 2016

Biotechnologie.de/online

Leben wir bald in einer CRISPR-Welt? Mit dieser Frage beschäftigte sich am 22. Juni 2016 der Deutsche Ethikrat auf seiner Jahrestagung. Die neue Technik „CRISPR/Cas9“ ermöglicht es vielleicht schon in absehbarer Zeit, Fehler in menschlichen Genen mit beachtlicher Präzision zu korrigieren. Was bislang als technisch kaum erreichbare Utopie galt, wird damit Realität – möglicherweise in Zukunft sogar Alltag. In Vorträgen und Streitgesprächen diskutierten daher namhafte deutsche Wissenschaftler über die Frage, ob wir gezielt in das menschliche Genom eingreifen dürfen. Dabei streiften sie altbekannte Argumente der ethischen Debatte um den Einsatz von Gentechnik beim Menschen und waren sich letztlich erstaunlich einig: Die Risiken von CRISPR/Cas9 sind derzeit nicht abschätzbar. Der Einsatz beim Menschen muss warten.

„Ein Gespenst geht um in Wissenschaft, Gesellschaft und Bioethik“, sagt Peter Dabrock, der erst im April ernannte Vorsitzende des Deutschen Ethikrats in seiner Eröffnungsrede. Das Gespenst heißt CRISPR/Cas9. Was sich zunächst anhört wie eine neue Müsli-Sorte, ist eine der bahnbrechenden Entwicklungen der Gentechnik. CRISPR/Cas9 heißt das Verfahren, mit dem sich zum ersten Mal ganz gezielt einzelne Segmente des menschlichen Genoms verändern lassen. CRISPR schneidet wie eine Schere Teile der genetischen Informationen an einer bestimmten Stelle heraus oder fügt dort neue Informationen ein. Zwar ist diese „Genschere“ keine ganz neue Erfindung, doch nie zuvor war sie so präzise und effektiv. Die Hoffnung: Schon bald könnten schwere Krankheiten wie HIV oder die durch einen Gendefekt verursachte Huntington-Krankheit geheilt werden.

„Nicht alle Geister sind freundlich“

Damit rückt erstmals die gezielte Veränderung der DNA beim Menschen in den Bereich des Machbaren. Die Möglichkeiten des sogenannten Genome Editing, besonders in der Medizin, sind enorm. Die Risiken jedoch auch, betonen die Teilnehmer der Debatte des Ethikrats unermüdlich. Denn „präzise“ heißt noch lange nicht hundertprozentige Sicherheit. Im Gegenteil: „Off-Target-Effekte sind extrem häufig“, sagt der Mediziner Karl Welte. Off-Target bedeutet, dass CRISPR das falsche Gen verändert. Die Folgen sind mitunter verheerend: trifft CRISPR das falsche Gen, entsteht zum Beispiel Krebs. Damit könnte eine behandelbare chronische Krankheit zu einer tödlichen werden. Außerdem lasse sich erst nach der Geburt feststellen, ob eine vorgeburtliche Behandlung mit CRISPR gewirkt habe, betont Welte. Ein Würfelspiel mit dem Leben eines Menschen, das viele der Referenten ablehnen. Doch die größte Skepsis herrscht in Hinblick auf ein anderes Risiko: Wie wirkt sich die Genveränderung auf die Nachkommen des Patienten aus? Könnte die Manipulation der Gene einzelner Personen spätere Generationen gefährden? Womöglich die gesamte Spezies Mensch einem Risiko aussetzen? „Nicht alle Geister sind freundlich“, sagt Dabrock und fordert ein Memorandum für die neue Technik.

Altbekannte Argumente

Die Frage, ob wir in das menschliche Genom eingreifen dürfen, diskutieren Ethiker bereits seit mehr als Hundert Jahren, seit den Anfängen der Genforschung. Die gängigen Argumente Pro und Contra haben sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht sonderlich verändert und waren auch auf der Jahrestagung des Ethikrats 2016 zu hören. Von individueller Freiheit, dem Recht auf Zufall, einer negativen Veränderung des Menschenbildes oder dem Recht auf ein Leben ohne Krankheit ist die Rede. Der Mensch sei mehr als die Summe seiner Gene, darüber sind sich die Teilnehmer einig, kommen aber dennoch zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen. „Wenn die Technik eines Tages sicher ist, wäre es dann nicht sogar geboten sie einzusetzen, um kranke Menschen zu heilen?“, fragt der Jurist Jochen Taupitz beispielsweise. „Jeder hat ein Recht darauf, dass kein anderer, auch nicht die Eltern, über seine genetische Zukunft entscheidet“, sagt der Theologe Eberhard Schockenhoff. Und der Philosoph Dieter Birnbacher gibt zu bedenken: „Natürlichkeit ist ein schlechtes Argument. Selbst das Aufspannen eines Regenschirms ist in der Natur nicht vorgesehen. Heileingriffe sind auch nicht natürlich.“

Weder Dammbruch noch Heilsversprechen

Wie in früheren Debatten unterscheiden die Referenten zwischen Veränderungen zu Therapiezwecken und solchen, die lediglich der „Verbesserung“ dienen, dem sogenannten Enhancement. Überwiegende Einigkeit besteht darin, dass letzteres abzulehnen sei. Allein der gesellschaftliche Druck, sich künstlich intelligenter oder sportlicher machen zu lassen, sei einfach zu groß, wenn eine solche Möglichkeit erst bestünde. „Allerdings ist der designte Übermensch ohnehin noch in weiter Ferne“, sagt die Politikwissenschaftlerin Ingrid Schneider und mahnt dazu, näherliegende Fragen zu behandeln. So gäbe es heute bereits Versuche, die Übertragbarkeit von Malaria durch die Anopheles Mücke zu verhindern, indem die Mücke genetisch verändert werde. Doch niemand wisse, welche Langzeitfolgen dies haben könnte. „Dammbrüche“ befürchtet sie dennoch nicht. „Ich glaube nicht, dass es solche Automatismen gibt“. Technische Entwicklungen könnten durchaus demokratisch gesteuert werden. Auch andere Referenten warnen vor allzu schneller Verteufelung der CRISPR/Cas9-Methode. Sinnvoller sei eine eingehende Prüfung der Risiken und eine vernünftige Regelung der Forschung. „Niemand darf machen, was er kann“, sagt der Philosoph Carl Friedrich Gethmann. „Es könnte auch jeder eine Bank ausrauben. Das ist gar nicht so schwer. Damit es trotzdem keiner tut, haben wir Recht und Sitte.“

Rechtliche Lücken

Doch gerade das Recht hat erhebliche Lücken, wenn es um neue Techniken wie CRISPR/Cas9 geht. Das zeigt Jochen Taupitz in seinem Vortrag auf. Einschlägig wäre vor allem das deutsche Embryonenschutzgesetz, „das ist aber bereits 26 Jahre alt“, sagt er. Damals habe der Gesetzgeber noch nichts von CRISPR ahnen können, und daher seien solche Methoden auch nicht vom Gesetz umfasst. Durch Umdeutung lasse sich da ebenfalls nichts machen. Es griffen die speziellen Regelungen für Strafgesetze, die eine derart weite Interpretation von Gesetzestexten verböten. Ein Freifahrtschein für übereifrige Wissenschaftler? Das Grundgesetz reiche jedenfalls nicht als Schutz, meint Taupitz, denn da sei die Auslegung äußerst umstritten. „Das ist eine Debatte, die wir jetzt führen müssen“, mahnt der Jurist.

Vorsicht ist geboten

Naturwissenschaftler sind nur bei den Einführungsvorträgen zu hören, in den Streitgesprächen fehlen sie komplett. Vielleicht hätten Experten aus der Praxis der Genforschung eine neue Perspektive auf eine Debatte eröffnen können, in der sich die Argumente trotz neuer Techniken wie CRISPR/Cas9 seit Jahrzehnten kaum ändern.

So herrscht beachtliche Harmonie bei den Streitgesprächen. Besonders die noch bestehende Unsicherheit des Verfahrens gibt Anlass zur Vorsicht. Auch wenn die genetischen Veränderungen durch CRISPR/Cas9 in Zukunft vielleicht wieder rückgängig gemacht werden können, derzeit sind sie irreversibel. Die meisten Referenten bevorzugen sogar umstrittene Techniken wie die PID gegenüber CRISPR/Cas9 – wegen des geringeren Risikos für künftige Generationen.

Das Fazit der ersten Jahrestagung in neuer Zusammensetzung lautet dann auch: CRISPR/Cas9 muss erst noch genauer erforscht werden und sollte erst dann zum Einsatz kommen, wenn die Technik sicher ist.