Blog-Beitrag: COVID-19 – Zusammenhang von vollen Krankenhäusern und Sterblichkeitsrate (2020)

Derzeit ist die Sterblichkeitsrate bei einer COVID-19-Infektion in Deutschland im Verhältnis zum Rest der Welt extrem niedrig. Zum Vergleich: In Italien schwankt die Sterblichkeitsrate zwischen 6 und 8 Prozent, in China lag sie im Schnitt zwischen 3 und 4 Prozent. In Deutschland haben wir Stand 17.3.2020 eine Letalität von rund 0,3 Prozent. Wird Covid-19 daher in Deutschland milder verlaufen als in anderen Ländern? 


Das ist unwahrscheinlich. Denn die niedrige Sterblichkeitsrate in Deutschland hängt mit Faktoren zusammen, die sich in den nächsten Tagen und Wochen wahrscheinlich ändern werden.

Frühes Stadium der Pandemie

Derzeit befindet sich Deutschland noch in einem extrem frühen Stadium der Pandemie. Um es ganz makaber auszudrücken: Bislang ist noch kaum jemand lange genug infiziert, um an COVID-19 zu sterben. Wie gerade der Verlauf in China gezeigt hat, dauert es bei COVID-19 meist mehrere Wochen von den ersten Symptomen bis zum Tod. Die Infektionen hierzulande sind jedoch überwiegend nicht älter als eine Woche. Auch wenn zu hoffen bleibt, dass möglichst alle Erkrankten gerettet werden können: Wie viele der aktuell Infizierten noch sterben, kann erst in ein paar Wochen gesagt werden. Die aktuelle Sterblichkeitsrate ist daher nicht aussagekräftig.

Die WHO vermutet außerdem, dass in Deutschland sehr früh sehr viel getestet wurde. Infektionen wurden daher bis jetzt früh erkannt und konnten gut behandelt werden. Auch milde Fälle, die andernorts eher unentdeckt blieben, wurden wohl so vermehrt diagnostiziert. Dadurch könnte das Verhältnis von schwer Erkrankten zur Gesamtzahl der Erkrankten bei uns weniger dramatisch sein. 

Ich schreibe “derzeit” und “im Moment”, da sich dies bei steigender Patientenzahl ändern könnte. Je mehr Menschen sich infizieren, desto überlasteter sind die Labore. Desto weniger wird getestet. Desto später werden Infektionen erkannt. Allein dadurch könnte es mit steigender Patientenzahl mehr schwere Verläufe geben. Doch vor allem die Kapazität der Kliniken spielt hier eine große Rolle.

Kapazität des Gesundheitswesens 

Viele Deutsche scheinen derzeit mit leicht arroganter Miene gen Italien zu blicken. Völlige Überforderung der Krankenhäuser? Zustände wie im Krieg? Sterblichkeitsraten von 6 bis 8 Prozent? Da scheint es wohl eher am Gesundheitssystem des Landes zu kranken. Hier passiert so etwas nicht. 

Oder? 

Dies ist natürlich eine völlige – hoch riskante und ziemlich widerliche – Fehleinschätzung. Es ist wahr, dass die Krankenhäuser in Deutschland im Schnitt besser aufgestellt sind als in Italien. Doch Italien ist alles andere als ein Entwicklungsland. Gerade der besonders betroffene Norden ist medizinisch gut versorgt. Die Kliniken in Italien sind auch nicht unvorbereitet in die Krise geraten. Sie hatten ausreichend Zeit, um Kapazitäten zu schaffen, Intensivbetten aufzustocken und nicht notwendige Behandlungen zu verschieben. Genauso, wie es in Deutschland derzeit geschieht. Dennoch hat die Pandemiewelle Italien völlig überrollt.

Letztlich kommt es auch bei einem gut ausgestatteten Gesundheitswesen auf die Gesamtmenge von Patienten an. Deutschland mag vielleicht doppelt so viele Intensivbetten pro Bürger haben wie Italien. Wenn wir aber auch doppelt so viele Infizierte bekommen, dann sind auch bei uns die Kapazitäten erschöpft. Oder: Vielleicht dauert es bei uns ein wenig länger, bis die Krankenhäuser Patienten abweisen müssen. Aber ab einer bestimmten Quote passiert das auch hier. Und derzeit wächst die Zahl der Infizierten ungebremst – um mehrere Tausend Neuinfektionen pro Tag. Bei dieser Quote haben wir bereits am Wochenende Zahlen erreicht, unter denen das italienische Gesundheitssystem zusammengebrochen ist.

Bereits jetzt ist das Gesundheitswesen überlastet

Schon vor der COVID-19-Pandemie war das deutsche Gesundheitswesen heillos überlastet. Jeder, der einmal versucht hat, einen Termin bei einem Facharzt oder im Krankenhaus zu bekommen, weiß das. Jedem, der in den vergangenen Jahren die Nachrichten verfolgt hat oder sich einmal mit Pflegekräften und Ärzten unterhalten hat, ist bewusst, dass wir in Deutschland einen massiven Mangel an medizinischem Personal haben. Das bedeutet, dass bereits unter normalen Umständen die Arbeitslast für Krankenhausmitarbeiter kaum zu bewältigen ist. Nun kommt das Zehn-, Zwanzig-, Fünfzigfache an schwerkranken Patienten auf sie zu. Viele Ärzte und Pfleger werden sich selber infizieren und damit auch noch ausfallen. Wie soll das funktionieren? 

Hinzu kommt, dass seit Jahren Krankenhäuser geschlossen und Finanzen gekürzt werden. Die meisten Kliniken müssen an allen Ecken und Enden sparen. Sie haben keine Rücklagen, um nun massiv zu investieren, auszubauen und zusätzliches Material anzuschaffen. Mal ganz davon abgesehen, dass es dieses Material gar nicht gibt.

Atemgeräte, Schutzkleidung, Desinfektionsmittel: 
Es mangelt an allem

Die Sparmaßnahmen haben auch dazu geführt, dass die Kliniken nur das Nötigste vorrätig haben. Auf einen massiven Anstieg an Patienten sind sie nicht vorbereitet. Es müssten nun Atemgeräte, Schutzkleidung und Desinfektionsmittel angeschafft werden. Nur: Selbst wenn das Geld vorhanden wäre, könnte das nicht geschehen. Denn diese Materialien sind weltweit ausverkauft. Nicht nur für Privatleute, auch für die Medizin. Atemgeräte können nicht „mal eben“ gebaut werden. Schutzkleidung und Desinfektionsmittel gibt es nirgends. Es kann derzeit nicht ansatzweise genug produziert werden. 

Ein Notvorrat wäre nun nötig. Doch den gibt es nicht. Wir sparen seit Jahren an der falschen Stelle.

Die sicherheitsverwöhnte Bevölkerung verschlimmert die Lage

Den meisten Menschen in Deutschland merkt man gerade an, dass sie es gewöhnt sind, dass ihr Leben sicher und weitestgehend unproblematisch verläuft. Ihnen kommt gar nicht in den Sinn, dass ihnen nicht geholfen werden könnte, wenn sie zum Arzt gehen. Wir sind es in Deutschland gewöhnt, dass wir nur ins Regal greifen müssen, um unser Essen zu beschaffen. Dass wir sicher vor furchtbaren Schrecken sind. Und dass wir im Zweifel in die Notaufnahme gehen können und uns dort jemand wieder heile macht. Dass all das irgendwann mal keine Selbstverständlichkeit sein könnte, liegt für die Meisten außerhalb jeglicher Realität. 

Doch genau das wird vermutlich bald Realität. Eben wegen dieser naiven Sorglosigkeit. 

Die niedrige Sterblichkeitsrate derzeit veranlasst viele in der Bevölkerung, die Pandemie auf die leichte Schulter zu nehmen und die empfohlenen Sicherheitsregeln in den Wind zu schlagen. Ein tödlicher Fehler. Vielleicht nicht für die Person selber, aber womöglich für ihren Nachbarn. Denn durch den Mangel an Vorsicht schießen die Infektionszahlen gerade in die Höhe. Würden sich alle an die Vorsichtsmaßnahmen, die von WHO, RKI und Bundesregierung gefordert werden, halten, dann hätte unser Gesundheitswesen vermutlich tatsächlich kein Problem. Dann blieben die Infektionszahlen so konstant niedrig, dass die Krankenhauskapazitäten nicht gesprengt würden. Doch derzeit sorgt die deutsche Bevölkerung dafür, dass wir wohl sehr bald in großen Schwierigkeiten stecken werden.

Nein, wir sind auch in Deutschland alles andere als vorbereitet. Wir sind ganz sicher nicht gegen COVID-19 immun.